Zuversicht, Changemanagement und die Corona-Krise

Der britische Staatsmann Winston Churchill soll einmal gesagt haben: „Verschwende niemals eine gute Krise!“ – „Never let a good crisis go to waste!“. Es ist eine Eigenart von Krisen, dass sich zunächst die Sichtweise der Menschen ändert, der Fokus sich auf die Grundbedürfnisse richtet und so manche Marotte erst einmal zurücksteht. So ist bekannt, dass in der Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, den wir am 8. Mai als Befreiung von der Nazidiktatur gefeiert haben, beispielsweise Hypochondrie kaum noch anzutreffen war, weil das nackte Überleben, das Stillen von Hunger und Durst oder die Suche nach sicherem, unzerstörtem Wohnraum im Vordergrund standen. Das ist jetzt in der Corona-Zeit anders, wo es immer genug zu essen, zu trinken und warm zu wohnen gab (außer: Toilettenpapier!).
So hat am 10.5.2020 Herr Prof. Tsokos, Leiter des Institutes für Rechtsmedizin in der Charité in der RBB-„Abendschau“ berichtet, dass seit Mitte März Suizide auftreten, die in Verbindung mit der Corona-Pandemie stehen, wie aus Polizeiakten hervorgeht. Hintergrund waren Furcht vor Erkrankung und Tod, Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Veränderungen. Manchmal ist die Angst vor etwas Unbekanntem stärker, als den Impuls des Neuen für Veränderung zu nutzen. Dabei ist Angst ein natürliches Phänomen, das zur Vorsicht mahnen soll. Doch Angst geht normalerweise vorüber und kann die Basis für eine neue Selbstsicht sein, wie es oft auch nach überstandenen und fordernden Krankheiten, Trauerprozessen oder Trennungen der Fall ist. Es ist das Neue mit neuen Erfahrungen, die den „Wind of Change“ antreiben und Entwicklungssprünge ermöglichen. Man spricht hier von „Coping“ als Maßnahmen, die helfen, Stress abzubauen und Krisen zu bewältigen, so wie das Gefühl der geglückten Angstüberwindung vermittelt, die Welt hinterher mit anderen Augen zu sehen. Wie schon einer unserer Ausbildungstrainer gesagt hat: „Es ist nicht entscheidend, was man wahrnimmt, sondern wie man es wahrnimmt – und bewertet“. Angst und ein hoher Adrenalinspiegel dient der Flucht oder dem Kampf, während in der Phase der gefühlten Krisenbewältigung Dopamin im Vordergrund steht mit der Anregung des Stoffwechsels und der Reizverarbeitung für visionäres, planendes und konstruktives Denken und Handeln.

Die Fachmedien berichten bereits jetzt von Veränderungen auch in der deutschen Krankenhauslandschaft. Mehr trägerübergreifende, regionale Kooperation, mehr Fokus auf Qualität, mehr Lagerhaltung kritischer Güter, zunehmende Digitalisierung und vielleicht sogar ein gewisses Umdenken von der rein auf Effizienz getrimmten Sparpolitik könnten die Folge sein. Das Vorhalten eines 500 Betten Krankenhauses als Reserve für Coronapatienten, wie gerade von ViVantes im Auftrag des Berliner Senates fertiggestellt, wäre noch vor drei Monaten undenkbar gewesen. Doch auch sonst gibt es Grund zur Hoffnung, dass die Krise auch Chancen für den Wandel im weiteren Sinne bereithält.

So besteht das chinesische Schriftzeichen für Krise bekanntlich aus zwei Teilen: Der eine Teil symbolisiert Gefahr oder Risiko, der andere Chance. Das bedeutet, eine Krise ist eine „gefährliche Chance“. Wenn wir die Chancen in Krisen erkennen und nutzen, dann können wir uns oft mit ungeahnter Geschwindigkeit weiterentwickeln und wachsen und so manches Paradigma überspringen.

 

 

Abb. 1: Chinesisches Schriftzeichen für Krise – und Chance

Die Dinge sind wie sie sind, die Frage ist immer nur, was wir daraus machen bzw. ob wir die Chancen nutzen, die sich in der Krise bieten. Dass man in den nördlichen Regionen von Pakistan und Indien von den großen Ebenen aus über eine Distanz von 150 bis 200 km die schneebedeckten Berge des Himalaya  sehen konnte, war laut entsprechenden Berichten die letzten 30 Jahre nicht mehr der Fall. Und dass in 2020 die Klimaziele in Bezug auf den CO2-Ausstoß wahrscheinlich erstmals erreicht werden durch den weltweiten Shut Down oder viele Italiener während der Ausgangssperre gemeinsam von den Balkonen aus musizierten, bezeichnen wir schon als bemerkenswert.

Der Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx geht weiter und hat im Rotary-Magazin Mai 2020 den überaus lesenswerten Artikel „Im Rausch des Positiven“ verfasst. Nach Horx ist das Besondere in der Corona-Krise, dass für sich selbst sorgen oft auch damit einhergeht, für andere zu sorgen (z.B. das Tragen vom Mundschutz oder die persönlichen Kontakte zeitweise zu minimieren). Viele erkennen, dass Verzicht nicht zugleich auch Verlust bedeutet, sondern durchaus Änderungen der Qualität mit sich bringen kann. Als junge Erwachsene haben wir beide beispielsweise eine Fastenwoche über Ostern durchgeführt. Wie wunderbar und gänzlich neu war das Geschmackserleben, als wir dann am 7. Tag beim Fastenbrechen das erste Essen in kleinen Mengen wieder zu uns genommen haben. Änderungen der Arbeitsweise wie Homeoffice oder digitale Meetings werden ziemlich sicher auch zukünftig Bestand haben, weil sie teilweise effektiver sind als ständige Besprechungen im Büro, in denen Führungskräfte einen großen Teil ihrer Zeit bisher verbracht haben. Nach der Trend-Gegentrend-Hypothese entsteht aus der Disruption des „Megatrends Konnektivität“ durch Grenzschließungen, Abschottung und Quarantänen kein Abschaffen von Verbindungen, sondern eine Neuorganisation der „Konnektome“, die in der Neurologie die Gesamtheit der Verbindungen im Nervensystem eines Lebewesens beschreiben. Dies führt zum Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme mit dem Schätzen von Distanz und der Chance, Verbundenheit qualitativer zu gestalten. Weltumspannende Wertschöpfungsketten werden gerade neu gedacht und konstruiert. Horx spricht von „Glokalisierung“, die Lokalisierung des Globalen mit neuen Depots vor Ort, Reserven und ortsnahen Produktionen.

Musterunterbrechung (Pattern interrupt) ist eine der wesentlichen Voraussetzungen, um Eingefahrenes zu verflüssigen und neues Verhalten möglich zu machen in Form vom radikalen Prozessmusterwechsel (Kaikaku). Dabei wäre mit Zuversicht viel gewonnen, wobei wir unter zuversichtlich verstehen, etwas für möglich zu halten und selbst mitzugestalten im Sinne von gesteigerter „Selbstwirksamkeitserwartung“.  Dies ist in der Corona-Zeit in sehr vielen Bereichen geschehen. So ändert sich auch das Geschäftsmodell unserer GÖK Consulting GmbH, die Digitalisierung und Risikomanagement als Umsetzungsansatz voranbringt an Stelle von klassischer Beratung. Zuversicht heißt, sich etwas zuzutrauen und die Welt zu verändern, anstatt sich vor ihr zu fürchten!

Corona wird vorbei gehen und nichts bleibt wie es war. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Nutzen wir die Zeit, um vieles zum Besseren zu wenden. Der Schlusssatz von Horx lautet dazu passend: „System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft.“

Pia Drauschke und Stefan Drauschke im Mai 2020