Reiche Beziehungen und reiches Leben

Wir möchten zu Beginn dieser Kolumne die These wagen: Ein gutes Leben ist die Folge von gelingenden Beziehungen – und diese sind eng verbunden mit gelingender Kommunikation. Wir schließen hier sowohl familiäre, freundschaftliche und auch Arbeitsbeziehungen mit ein, denn nach unserer Ansicht haben diese – wenn sie gelingen – eine sehr große Schnittmenge ähnlicher Beziehungsaspekte und bereichern das Leben ungemein.

Doch auch die Beziehung zu sich selbst ist mit „gelingenden Beziehungen“ angesprochen. Wenn diese gestört ist und der interne Dialog zwischen den verschiedenen eigenen Persönlichkeitsanteilen zum Erliegen gekommen ist, oder die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein mehr und mehr abnehmen, hat häufig schon ein Leidensweg gepflastert mit Rückschlägen und Misserfolgen begonnen. Ein interessanter Filmbeitrag von Frau Dr. Mirriam Prieß im Kontext von Burnout, Beziehungsmanagement und Resilienz (Quelle: Dr. Mirriam Prieß (2018): Den inneren Dialog suchen. Online: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/weiterbildung-den-inneren-dialog-suchen/22876408.html, Abruf am 22.01.2019) hat uns dazu inspiriert, diesem Themenkreis noch ein wenig weiter mit Ihnen auf den Grund zu gehen.

 

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Wofür das gut ist, kann man verschiedenen Arbeiten zum Thema Glück, Zufriedenheit und Gesundheit entnehmen. „In zwei Langzeitstudien über 75 Jahre hinweg befragten Forscher der Harvard Universität über 724 Amerikaner, was für sie Glück bedeutet. In „The Grant-Study“ wurden 268 Harvard-Absolventen aus den Jahrgängen 1939-1944 regelmäßig befragt, in der „Glueck Study“ 456 Männer, die alle als Kinder in den ärmeren Vierteln von Boston aufgewachsen waren. Die Forscher um den Studienleiter Robert Waldinger, Direktor der „Harvard Study of Adult Development“ befragten die Teilnehmer über Jahrzehnte, verfolgten ihre Lebensgeschichten, ihre beruflichen Karrieren und ihren Gesundheitszustand.

Waldinger erklärt: „Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder.“ Die Betonung liege dabei auf gut, so Waldinger. „Es geht nicht um die Anzahl der Freunde.“ Es sei die Qualität der nahen Beziehungen, die zähle. Das heiße nicht, dass man sich nicht mal so richtig zanken dürfte, so Waldinger. Denn das Gefühl, trotz aller Verschiedenheiten und Unstimmigkeiten immer auf den anderen zählen zu können und sich sicher zu fühlen, sei viel ausschlaggebender für eine gute und stabile Beziehung.

Menschen, die sich lange Zeit sehr einsam fühlten und keine stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen führten, fühlten sich nicht nur unglücklich, ihre Gesundheit wurde im Alter merklich schlechter, ihre Gehirnfunktionen nahmen eher ab und sie starben früher als die, die ihre Beziehungen als gut und stabil einschätzen. „Die Teilnehmer, die im Alter von 50 Jahren von glücklichen zwischenmenschlichen Beziehungen berichteten, waren im Alter von 80 Jahren am gesündesten“, berichtet Waldinger aus den Ergebnissen“ (Quelle: Berliner Zeitung (2017): Harvard-Studie Diese Dinge machen uns wirklich glücklich. Online unter: https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit/harvard-studie-diese-dinge-machen-uns-wirklich-gluecklich-25952408, Abruf am 22.01.2019).

Für uns Menschen als soziale Wesen sind also das Eingebunden sein in funktionierende soziale Netzwerke und gute Beziehungen essentiell für persönliche Zufriedenheit, Gesundheit und Glück. Wenn dagegen die Verbindung zu sich selbst und zu anderen verloren geht, wenn der Dialog nicht mehr gelingt, dann kann das zur Erschöpfung und zum Ausbrennen führen bis hin zum drohenden Burnout.

Doch was trägt bei zu gelingenden Beziehungen und zu gelingender Kommunikation? Voraussetzungen hierfür sind das echte Interesse am Beziehungspartner – und auch an sich selbst, Offenheit für andere und für Neues, Einfühlungsvermögen in die eigenen Bedürfnisse und Gefühle und die der Beziehungspartner, Augenhöhe ohne Überlegenheitsambitionen (ich bin ok, Du bist ok) sowie Respekt und Wertschätzung für andere Menschen mit ihren Meinungen, Werten, Lebensentwürfen und Weltanschauungen.

Sehr hilfreich für die Interaktion mit anderen ist die Selbsterkundung mit den beiden wichtigen Selbstführungskompetenzen Introspektion und Reflexion. Es geht dabei auch darum, sich innere und häufig auch unbewusste „Realitäten“ bewusst zu machen, die oft noch aus der Kindheit verankert sind. Diese stehen häufig Beziehungen im Hier und Jetzt im Weg. Wir nennen diese Ebene das unbewusste, wirklichkeitsgenerierende „interne Betriebssystem“, das mehr zu erkunden und zu kennen wirklich lohnenswert ist. Hier wirken beispielsweise die sogenannten „Antreiber“ aus dem Konzept der Transaktionsanalyse, unbewusste Lebensskriptmuster, welche einen immensen Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Verhalten haben (mach schnell, sei perfekt, streng Dich an, mach es allen recht, sei stark). Antreiber können identifiziert werden aufgrund unseres Verhaltens und typischer Denkmuster, wie sie sich in unseren inneren Dialogen zeigen. Die Antreiber haben oft in der frühen Kindheit ihren Ursprung und sind maßgeblich an der Entstehung von Glaubenssätzen und Überzeugungen beteiligt. „Sei perfekt“ führt häufig zu der inneren Überzeugung, man müsse immer alles 110 % ig machen oder „genug ist nicht genug“, und „mach schnell“ führt zur ständigen Eile, ohne sich Muße gönnen zu dürfen etc. Es liegt nahe, dass die Menschen glauben, dass diese eigenen Antreiber und Überzeugungen Teil der „Wirklichkeit“ wären und andere Menschen, die es wert sind eine Beziehung einzugehen, genauso „ticken“ müssten.

Häufig gibt es spontane Reaktionen auf andere Menschen, die ihren Ursprung weniger im Anderen als vielmehr in ihnen selbst haben. Dies möchten wir mit zwei Beispielen verdeutlichen: Manche Menschen sind als Kind einer starken Person mit spezifischen Eigenschaften „ausgesetzt“ gewesen (z. B. ein Elternteil, ein Lehrer etc.) und fühlten sich regelmäßig in Anwesenheit dieses Menschen erniedrigt, klein und schwach, weil sie dessen Ansprüchen nie genügen konnten oder von oben herab behandelt wurden. Wenn diese Person nun als Erwachsener einem ähnlichen Menschen begegnet, erinnert sich das Unbewusste oft so stark daran, dass man eine spontane Altersregression erlebt, sozusagen innerlich schrumpft und wieder zum kleinen, schwachen, angepassten Kind wird. Man bemerkt das und leidet darunter und wird im Gespräch buchstäblich den „Kürzeren ziehen“ – und kann dennoch wenig dagegen tun. Ein zweites Bespiel ist, dass dann, wenn man jemanden spontan ablehnt, bei näherem Hinsehen bemerken könnte, dass man in dem anderen eine Eigenschaft entdeckt hat und ablehnt, die man an sich selbst schon lange verdrängt hat und negiert. Das hat dann mit dem Gesprächspartner in erster Linie wenig zu tun, sondern mit einem selbst. Diese Ablehnung könnte dann als Einladung zum Lernen verstanden werden, mehr über sich und den anderen zu erfahren, um dann „erst recht“ eine reiche Konversation zu beginnen.

Wenn es um Sie und die anderen geht, gibt es noch ein interessantes „Rezept“ für gute Beziehungen, das uns einer unserer Trainer einmal vor langer Zeit nahegebracht hat. Er war der Ansicht, dass gute Beziehungen vor allem auf Angeboten beruhen, die man dem Beziehungspartner unterbreitet. Ja, Sie lesen richtig, wir schreiben hier vordergründig im Business-Kontext, doch auch im Berufsleben mit all den Arbeits- und Stakeholderbeziehungen geht es meist um wechselseitige Angebote, wenn von guten Beziehungen die Rede ist. Ein Angebot unterscheidet sich von einer Forderung, indem man es auch ablehnen darf und kann, ohne gleich Sanktionen befürchten zu müssen. Gute Beziehungen sind dadurch gekennzeichnet, dass man sich wechselseitig immer wieder Angebote unterbreitet und diese auch zu einem guten Teil angenommen werden. Wenn Sie keine Angebote mehr unterbreiten oder so gut wie keines mehr annehmen, schwächt das die Beziehung maßgeblich und diese sollte dann auch nach gewisser Zeit beendet werden. Im Arbeitskontext bieten Sie als Arbeitgeber im gegebenen Kontext Aufgaben, Verantwortung, Wertschätzung und Vergütung, während ein Arbeitnehmer seine Arbeitskraft, Lebenszeit, Wertschätzung und die Übernahme von Verantwortung anbietet. Wenn es diese wechselseitigen Angebote nicht mehr gibt oder diese nicht mehr angenommen werden, ist die Trennung im beiderseitigen Interesse unvermeidlich.

Bei all diesen Themen ist es nützlich, sich der genannten Mechanismen bewusst zu werden, um nicht immer gleich auf sich selbst hereinzufallen. Es ist dabei bedeutsam, sein Inneres gut zu kennen, ggf. aufzuarbeiten und immer wieder mit dieser gewonnenen Freiheit mit sich und den anderen in den Dialog zu gehen, um reiche Beziehungen aufbauen und erhalten zu können. Und natürlich ist es hilfreich, Menschen zu mögen und die Welt der anderen erkunden und verstehen zu wollen, um die Grundlage für gute und andauernde private und berufliche soziale Netzwerke mit liebenswerten Menschen zu schaffen.

Berlin im Januar 2019

Pia Drauschke und Stefan Drauschke