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Changebrief Nr. 74

Über Sinn und Zweck

Sie haben eine gute Strategie mit klaren, smarten Zielen? Es gibt einen Ausführungsplan mit Maßnahmen und Projekten auf einer realistischen Zeitschiene mit ausreichenden Ressourcen für die Umsetzung? Ihre Mitarbeiter kennen die Strategie und waren idealerweise an der Strategieentwicklung beteiligt? Wenn Sie jetzt innerlich oder vernehmbar dreimal „ja“ gesagt haben, dann gehören Sie schon zu den vorbildlichen Führungskräften in dieser Republik.

Wir haben gerade erst ein Seminar mit dem Thema „gesunde Führung“ für 20 Unternehmen eines Netzwerkes in Nordostdeutschland durchgeführt und – weil es so wichtig ist – zu Beginn die Frage gestellt, welches Unternehmen über eine Strategie verfügt, die auch den Mitarbeitern entsprechend bekannt ist: Von 20 Unternehmen waren gerade vier dabei, auf die diese „Selbstverständlichkeit“ zutraf. Das entspricht durchaus auch unseren Erfahrungen in deutschen Krankenhäusern. Natürlich gibt es Handlungspläne und kurzfristige Ziele für die Folgeperiode, doch das entspricht noch nicht dem einleitend beschriebenen.

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Zweck eines Unternehmens ist noch seltener beantwortet, auch wenn sie in guten Missionsaussagen oberhalb der Strategieebene manchmal ansatzweise zu finden ist. Wir meinen kein oberflächliches Leitbild mit einer Mischung aus Allgemeinplätzen und angedeuteten Werten. Wir meinen das, was der Managementvordenker Simon Sinek in seinem Buch „start with why“ auf neue Weise diskutiert hat. Am Beginn einer jeden Erfolgsgeschichte steht eine einfache Frage: Warum? Warum sind manche Organisationen profitabler als andere? Warum werden einige Führungskräfte von ihren Mitarbeitern mehr geschätzt und andere weniger? Warum sind manche Menschen in der Lage, immer und immer wieder erfolgreich zu sein? Sineks Kernbotschaft ist, dass Menschen nicht kaufen, was man macht, sondern warum man etwas macht (Sinek, S. (2009). Start with why. How great leaders inspire everyone to take action. New York: Portfolio / Penguin). Wenn Sätze wie „Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen einem sozialen Ziel dienen. Ein Unternehmen, das keinen Sinn dafür hat, wird seine Ziele nicht erreichen.“ von einem Mann wie Larry Fink stammen, dem CEO von Blackrock, dem weltweit größten Finanzinvestor mit 6,3 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen, spricht das eine eigene Sprache. Sein Mantra lautet: "The business of business is not business. The business of business is to create value for society. (Book, S. & Hennersdorf, A. (WirtschaftsWoche Online, Hrsg.). (2018). Wie Blackrock die Konzerne kontrolliert. Zugriff am 12.11.2018. Verfügbar unter https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/blackrock-wie-blackrock-di...). So ist dann auch von Ed Catmull, dem CEO von Pixar/Disney zu hören The real goal of what we’re doing is to have a positive impact on the world." (Pontefract, D. (Forbes, Hrsg.). (2016). The Top 15 CEO Quotes About Operating With A Higher Purpose. Zugriff am 12.11.2018. Verfügbar unter https://www.forbes.com/sites/danpontefract/2016/05/03/the-top-15-ceo-quo...)

Allerdings hat das englische „Why“ im Deutschen zwei durchaus unterschiedliche Bedeutungen: Why heißt zum einen „warum“, und zum anderen „wofür“. Wofür fragt in diesem Kontext nach dem Sinn und Zweck eines Unternehmens, und der ist mehr und mehr bedeutsam nach innen und nach außen.

Im Wertewandel der Generationen ist die Generation Y – die im Zeitraum der frühen 1980er bis frühen 2000er Jahre Geborenen – inzwischen herangewachsen und die Vertreter sind in einem Alter, in dem heute viele Führungskräfte und Leistungsträger sind oder dabei sind, welche zu werden. Man nennt diese Generation „Millennials“ und nicht umsonst auch „Generation Why“, denn sie ist im Frieden und im Überfluss aufgewachsen und nach der Maslowschen Bedürfnispyramide sind alle Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Sicherheit befriedigt. Jetzt geht es mehr um die individuellen Ziele, die Life Balance, Sinnfindung und Selbstverwirklichung. Für die Millennials sind soziale Bindungen und Netzwerke, ein interessanter Job, eine wertschätzende Unternehmenskultur sowie eine sinnreiche Aufgabe von Bedeutung. Wenn diese Faktoren zusammentreffen und im Unternehmen die Fragen nach dem wofür und warum beantwortet sind, dann sind die Vertreter dieser Generation durchaus auch bereit, mehr zu leisten und Verantwortung zu übernehmen.

Der Beitrag von Martin Claßen und Felicitas von Kyaw in der Zeitschrift „Changement!“ ist dem Thema weiter auf den Grund gegangen (Claßen, M. & Kyaw, F. von. (2018). Purpose: Über den Sinn und Zweck. Changemanagement! (06), 4–8.). Sinn und Zweck sind neben Verstehbarkeit und Handhabbarkeit wesentliche Erfolgsfaktoren für gelingende Changeprozesse. Purpose ist eine Art Handlungsanleitung für strategische und operative Entscheidungen. Es steht für die Unterscheidungsfähigkeit eines Unternehmens zu einem anderen einerseits und für die Identifikation der Belegschaft andererseits. Purpose soll motivierende Wirkung auf Mitarbeiter haben, sympathische Wirkung für die Kundschaft, eine legitimierende Wirkung in der Gesellschaft und letztlich in Folge einen ergebnissteigernden Effekt.

Hier kommen uns zwei Zitate in den Sinn, die es schon bedeutend länger gibt als die Diskussion um „Purpose“ in der aktuellen Managementliteratur:
„Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, viel mehr kommt es lediglich darauf an, was das Leben von uns erwartet“ und „wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“ (Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH (Hrsg.). Einige Zitate zu Logotherapie. Zugriff am 12.11.2018. Verfügbar unter https://logotherapie.de/zitate-logotherapie.html).
Dies sind Kernsätze aus dem Bereich der Logotherapie (von griech. lógos „Sinn, Gehalt“) und Existenzanalyse, deren Entstehung auf den österreichischen Neurologen, Psychiater und Holocaust-Überlebenden Viktor E. Frankl (1905–1997) zurückgehen. Dieser begründete in den späten 1920er Jahren einen eigenständigen Ansatz, der in besonderer Weise die geistige Dimension des Menschen in den Blick nimmt und sein existenzielles Streben nach Sinn im Leben als dessen primäre Motivationskraft betrachtet.

Die Diskussion um den Sinn und Zweck ist also schon älter und trifft offenbar auf ganz grundlegende Bedürfnisse bei uns Menschen, die dann, wenn sie erfüllt werden, große Kräfte und Energien freisetzen. Nicht zuletzt ist die oberste der (neuro-) logischen Ebenen nach R. Dilts die Sinn- und Zugehörigkeitsebene (Drauschke, P., Drauschke, S. & Albrecht, D. M. (Hrsg.). (2016). Changemanagement und Führung im Gesundheitswesen. Führung von Menschen und Management von Prozessen in der Veränderung. Heidelberg: medhochzwei).

Was heißt das alles für die Krankenhäuser und Gesundheitsunternehmen: Eine Strategie zu haben ist notwendig, um Ressourcen zu allokieren auf das, was man erreichen möchte. Sich Gedanken zu machen über den Sinn und Zweck ist wichtig, um mit viel Energie und überzeugten Menschen die gesetzten Ziele auch zu erreichen. Alle Krankenhäuser wollen Menschen gesund machen, vollziehen ähnliche Prozeduren, bieten ähnliche Leistungen und verfügen im Grunde über ähnliche Ausrüstungen und Strukturen. Es ist herauszuarbeiten, was bei Ihnen das Besondere ist, wie sich Ihr Haus von anderen in der Umgebung unterscheidet und wofür Sie letztlich stehen. Ja natürlich, es geht am Ende um schwarze Zahlen und den Erfolg im Markt. Doch schon die Zen-Bogenschützen wussten, dass Sie „daneben zielen“ müssen, um letztlich ins Schwarze zu treffen. Das Geld folgt der Leistung, der Qualität und – dem Sinn. Es kommt, um mit Frankls Worten zu sprechen, nicht so sehr darauf an, was Sie von Ihrem Umfeld und Ihren Mitarbeitern erwarten, sondern was die Patienten, Angehörigen und die an Mitarbeit Interessierten von Ihnen erwarten!

Damit sich allerdings die Wirkung auch entfalten kann, haben Sie sicherzustellen, dass Ihr „Purpose“ nicht in Broschüren vergilbt, sondern auch tatsächlich verhaltenswirksam und spürbar nach innen und außen umgesetzt wird.

Pia Drauschke und Stefan Drauschke im November 2018